Unsere Website für
Ihr Land
FacebookTwitterYoutubepinterestRss

Die Links überspringen
Königliche Gärten
© OPT / J. Jeanmart
Star Chocolatier
© OPT / Ricardo de la Riva / © OPT / Ricardo de la Riva / © OPT / J. Jeanmart
Schloss Beloeil
©OPT / Visual News
Schiffshebewerke
© OPT / J.P. Remy
Königreich für Sammler
© OPT / J.P. Rémy
Georges Simenon
© www.walloniedesecrivains.be
Gott in der Brauerei
© OPT / Ricardo de la Riva

Ein Haus für die Rockefeller Europas

 


© OPT / J.L.Flémal /© OPT / J.P.Remy /© OPT / J.P.Remy /

 

Die Villa Empain hat eine unglaubliche Geschichte hinter sich, die der Familie ist aber noch viel spektakulärer

Was in den 30er Jahren mit dem Bau einer gigantischen Art Déco Villa begann, endet Jahrzehnte später mit einer Entführung und der Offenlegung der Dekadenz einer der reichsten Familien Europas: die Geschichte der Familie Empain. Die Wiedereröffnung der Villa im April 2010 ist sowohl ein Teil der Aufarbeitung derselben, als auch ein Glücksfall für die Kunstgeschichte.

Der erste Eindruck ist überwältigend. 2800 Quadratmeter Wohnfläche dürften selbst für den reichsten Junggesellen Belgiens mehr Platz als genug gewesen sein, soviel ahnt man bereits im Atrium. Ob Louis Empain bei der Übergabe der 1934 vollendeten Villa schlicht Reißaus nahm und deshalb nach Kanada auswanderte? Möglich. Dass der junge Baron die Villa nur drei Jahre nach der Einweihung dem belgischen Staat schenkte, ist hingegen Tatsache. Die Schenkung markiert den Beginn eines über Jahrzehnte anhaltenden Besitzer- und Nutzerwechsels, der mit dem Rettungskauf durch die Fondation Boghossian 2006 ein glückliches Ende fand.

 

Aufstieg und Fall der belgischen Rockefellers

Für Diane Hennebert, die als Direktorin der Stiftung die Arbeiten leitet, liegt die Bedeutung der Villa Empain auf der Hand. „Die Villa ist ein steinernes Monument der belgischen Geschichte und spiegelt zugleich den unglaublichen Aufstieg und Niedergang der Familie Empain wieder.“ Louis’ Vater Edouard hat den Sohn aus einer Beziehung mit einer Operettensängerin erst kurz vor seinem Tod 1929 offiziell anerkannt. Der Bankier und Eisenbahnkönig machte Louis und seinen Bruder Jean zu den Universalerben eines Vermögens, das in einem Atemzug mit dem der Rockefellers genannt wurde.

Louis selbst war ein Altruist, der sich aus Geld nichts machte. Sein Bruder Jean hingegen ein Lebemann, der das Geld verprasste. Dessen Sohn Edouard-Jean, den er mit einer 17-jährigen amerikanischen Striptease-Tänzerin namens Goldie gezeugt hat, wurde 1978 in Paris Opfer einer spektakulären Entführung. Wegen des bei den Ermittlungen aufgedeckten Lotterlebens des Opfers machte die Entführung als „Affäre Empain“ international Schlagzeilen. „Heute ist die Familie fast völlig verarmt,“ resümiert Diane Hennebert die Geschichte der Empains.

 

Die Anfänge als Musée des Arts Décoratifs

Sind die goldenen Zeiten der Familie mittlerweile vorbei, so erlebt die Villa hingegen gerade ihren zweiten Frühling. Begonnen hat jedoch alles mit keinem Geringeren als dem Designer und Architekten Henry van der Velde. Dieser hat Louis Empain überzeugt, die grandiose Villa an der vornehmen Avenue Franklin Roosevelt dem Staat anzuvertrauen. Unter einer Bedingung allerdings: Der mit poliertem grauen Granit verkleidete Bau mit seiner strengen geometrischen Architektur sollte als Musée des Arts Décoratifs genutzt werden. Schließlich liegt die Architektur- und Kunsthochschule von La Cambre nur einen Steinwurf entfernt, deren Gründer Henry van der Velde war.

 

Intermezzo als Botschaftsresidenz

Der Zweite Weltkrieg jedoch bedeutete das Aus für das Museum. Die Villa wurde von deutschen Besatzern requiriert und als repräsentatives Domizil hochrangiger Militärs genutzt. 1945 vermietete der belgische Staat die Villa an die Sowjetunion, die die russische Botschaft darin unterbrachte. Die strenge Anmutung des Baus gefiel den Sowjets. Einer aber war von den neuen Mietern indes nicht begeistert: Louis Empain.

 

Vom Fernsehstudio zur Stiftung Boghossian

Als der Vertrag mit der russischen Botschaft Anfang der Sechziger Jahre auslief, forderte der Baron die Villa zurück. Mit Erfolg, denn in der Schenkungsurkunde wurde die Nutzung als Museum ausdrücklich als Bedingung für die großzügige Geste genannt. Das Anwesen wurde an einen Tabakindustriellen verkauft, der das Gebäude an RTL vermietete. Seit dieser Zeit kennt jedes Kind im Land die Villa Empain: Die belgische Nachrichten des Fernsehsenders sowie andere Sendungen wurden bis 1987 von hier übertragen.

Nach dem Auszug von RTL begann der eigentliche Niedergang. Die Villa stand leer, wurde von einem Geschäftsmann gekauft, der die original erhaltene obere Etage entkernen ließ. Erst das energische Einschreiten durch den Denkmalschutz setzte der Zerstörung ein Ende.

Seit dem Rettungskauf durch die Fondation Boghossian wird die Villa für einen zweistelligen Millionenbetrag originalgetreu restauriert. Jean Boghossian, armenischstämmiger Juwelier mit Sitz in Genf und Antwerpen, möchte nun aus dem Architekturjuwel ein Kulturzentrum machen.

 

Monument des späten Art Déco

Was von der wechselvollen Geschichte der Familie bleibt, ist immerhin der neben dem Palais Stoclet bedeutendste Art Déco-Bau Brüssels. Und selbst trotz der Schäden, die einige Nutzer hinterlassen haben, zeugen Räume oder der hufeisenförmige Pool vom Geschmack des bei der Planung erst einundzwanzigjährigen Bauherrn.

 

Die Villa Empain ist nach der Restaurierung seit dem 21. April 2010 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.

Villa Empain, Avenue Franklin Roosevelt 67, 1050 Brüssel

Web: Villa Empain (FR/NL/EN)

Kontakt: Diane Hennebert, Direktorin der Fondation Boghossian, Tel: 00 32 (0)2 627 52 30, Mail diane@boghossianfoundation.be oder info@boghossianfoundation.be