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Von einer Industriestadt zum Technologiezentrum

 

Mons liegt nahe der französischen Grenze, etwa 60 Kilometer südwestlich von Brüssel, und ist die Hauptstadt der belgischen Provinz Hennegau. Die Stadt entstand im 7. Jahrhundert aus einer Klostergründung und stieg im Mittelalter zu einer reichen Tuchmacherstadt auf. Aus dieser Zeit stammen auch das gotische Rathaus sowie der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende, barocke Belfried. Überhaupt ist die Provinz Hennegau mit gleich 19 Einträgen sehr reich an UNESCO-Weltkulturerbestätten, die neben historischen Bauwerken auch traditionelle Veranstaltungen umfassen.

Mons bewirbt sich als Kulturhauptstadt

Im Jahr 2002 kam erstmals der Gedanke auf, Mons als Kandidat für die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2015 ins Rennen zu schicken. Im März 2004 bewarb sich die Stadt offiziell und wurde dabei von der wallonischen Rgierung unterstützt. Hinzu kam ein Empfehlungsschreiben des damaligen Premierministers Guy Verhofstadt. Sechs Jahre später, am 9. Februar 2010, entschied sich die Jury einstimmig für Mons als Europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2015. Damit folgt Mons auf die ehemaligen belgischen Kulturhauptstädte Antwerpen (1993), Brüssel (2000) und Brügge (2002).

Beeindruckende Neubauten und Modernisierung von drei Stadtvierteln

Durch die Neubauten im Zuge der Kulturhauptstadt 2015 werden sich drei Stadtteile von Mons stark verändern und zeigen, wie sich moderne Architektur in ein historisches Umfeld integrieren lässt. Im Vorfeld werden in Mons fünf Museen eröffnet beziehunsweise renoviert, ein Konzept für den Gedenktourismus auf dem Friedhof "Saint-Symphorien" entwickelt und die vorhandenen UNESCO-Welterbestätten aufgewertet. Dazu zählen unter anderem ein neolithischer Steinbruch in Spiennes, der einzige barocke Glockenturm Europas und das traditionelle Stadtfest in Mons, die Ducasse. Mit zwei neuen Konzertsälen und einer Generalüberholung des kulturellen Angebots zeigt sich Mons für das Jahr 2015 gut vorbereitet. In jüngerer Vergangenheit hat sich die Stadt strukturell in zwei Richtungen entwickelt: Einerseits gibt es die Altstadt, die bestmöglich erhalten und renoviert wird, andererseits im Viertel "Grands Près" die Neustadt. Gestaltet vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind erhebt sich dort das beeindruckende, schiffsähnliche Kongresszentrum. Es trägt dem wachsenden Geschäftstourismus Rechnung und ist auch eine Reaktion auf den Boom von neuen, kreativen Unternehmen in der IT-Branche. Die Neustadt wurde mit der Altstadt unter modernsten Aspekten der Mobilität durch einen neuartigen Bahnhof verknüpft, der von einer Fußgängerbrücke flankiert wird und von Santiago Calatrava entworfen wurde. Calatrava und Libeskind, beides weltberühmte Architekten, arbeiteten zeitgleich neben diesen Projekten an der Gestaltung des Ground Zero in New York. Ein weiteres Ziel im Rahmen des Projekts 2015 ist die Modernisierung und Ausweitung des Shoppingcenters "Les Grands Près". Es soll 650 direkte Arbeitsplätze schaffen und mehr als zwei Millionen Besucher pro Jahr anlocken. Studien zufolge sollen 10-15% dieser Kunden nach dem Einkauf für einen Freizeittag in Mons verbleiben, was sich positiv auf die lokalen Händler und die Frequentierung der kulturellen Angebote in der Innenstadt auswirken würde.

Die Van Gogh Ausstellung ist das Highlight des vielfältigen Programms

Zum 125. Todestag van Goghs findet im Museum der Schönen Künste (BAM) eine Ausstellung mit dem Titel "Van Gogh im Boringe - Die Geburt eines Künstlers" statt. Der Maler ist eng mit der Region um Mons verbunden, da er als junger Mann zwei Jahre im ehemaligen Kohlerevier Borinage verbrachte. Während dieses Aufenthalts entschied er sich, seine Karriere als Prediger zu beenden und dem Künstlerdasein zu frönen. Die etwa 70 ausgestellten Werke werden vielfach Motive aus dem Alltag von Bauern und Arbeitern der Region zeigen, da van Gogh stets von dem Borinage fasziniert war und davon träumte, im Alter dorthin zurückzukehren. Der Kurator der Europäischen Kulturhauptstadt, Yves Vasseur, bezeichnet die Ausstellung als Event von "internationaler Tragweite", da die gezeigten Originalbriefe nur selten der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Weitere Ausstellungen werden sich dem französischen Dichter Verlaine oder dem heiligen Georg widmen. Mons gibt aber auch Sängern oder schaffenden Künstlern die Gelegenheit, sich und ihre Werke zu präsentieren. Doch vor allem sollen die Bürger der Stadt im Mittelpunkt stehen. Zwar gibt es bezogen auf die oben genannte politische, wirtschaftliche und kulturelle Vision einen Top-down Ansatz, aber gleichzeitig werden die Bürger auch nach dem Bottom-up Prinzip integriert und dürfen mitbestimmen.

Ein regionales Netzwerk entsteht

In Mons spielt die Bürgerbeteiligung eine übergeordnete Rolle, daher wird ihre Teilnahme bei der Programmgestaltung sehr ernst genommen um die Kulturhauptstadt so authentisch wie möglich wirken zu lassen. Mit 17 Partnerstädten und weiteren Institutionen in Belgien und Nordfrankreich entsteht ein großes Projekt im Bereich der Regionalentwicklung. Nachdem sich abzeichnete, dass Mons im Jahr 2015 Europäische Kulturhauptstadt werden würde, ging man auf die Suche nach Partnern. Dazu zählen beispielsweise Valenciennes und Lille in Nordfrankreich, aber auch Lüttich, Brüssel und Gent. Die Städte im direkten Umland von Mons, wie zum Beispiel Tournai, planen darüber hinaus eigene Veranstaltungen, die auf einem System der Kofinazierung beruhen. Für Mons wird es darum gehen, die sozioökonomische Eigenheiten eines jeden direkten oder potentiellen Partners zu prüfen und im Optimalfall langfristige Beziehungen einzugehen, aus denen zukünftig ein regionales, grenzüberschreitendes Netzwerk entstehen könnte. Dies hatte bereits nachhaltige Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zwischen Individuen, Vereinen, der öffentlichen Hand und den Kommunen, wie das Beispiel der Städte Honelles und Quiévrain gezeigt hat. Auf diese Weise wird der soziale Zusammenhalt zwischen den Bewohnern und Kulturen gestärkt, und die Hierarchien werden zunehmend flacher. Mons rechnet deshalb mit einem Aufschwung der Industrie, der die Region durch Kultur und Kreativität voranbringen soll. Aktuell gibt es in Mons bereits eine durchweg positive Dynamik, die sich über die Borinage auf einer Achse von Lille nach Gent ausweitet. Diese Region wird zunehmend attraktiv für Unternehmen kreativer Wirtschaftsbereiche und der IT-Branche, die sich in der Folge dort ansiedeln und weitere Talente und Start-up Unternehmen anlocken. Wie in Liverpool oder dem Ruhrgebiet, versucht auch Mons der Stadt ein kreatives Image zu verleihen, um sein Hinterland aufzuwerten.

Internationales Flair im "Café Europa"

Daher wird neben Künstlern, Schauspielern und Kulturschaffenden auch das Thema der Technologie eine essentielle Rolle im Programm der Kulturhauptstadt 2015 spielen. Die zunehmende Relevanz der Technik wurde im Motto der Kulturhauptstadt "Where technology meets culture" aufgegriffen. Nicht nur weil die lokale Ökonomie auf Unternehmen im Bereich der Technik setzt, sondern weil diese Technik auch eine direkte und offene Verbindung zwischen einem Individuum und der Welt schaffen kann. Ein Beispiel hierfür ist das Café Europa, dessen Prototyp es im kommenden Jahr in einigen europäischen Städten zu bestaunen werden gibt. Es wurde von einem belgischen Designerteam unter den Aspekten Nachhaltigkeit, Mobilität und interdisziplinäre Vernetzung entworfen und soll den Teilnehmern ermöglichen, sich per Video international auszutauschen. Darüber hinaus werden über diesen Kanal Installationen, Musik oder Theaterstücke anderer Städte wie beispielsweise Montreal präsentiert, die ein Kontrastprogramm zum Leben in Mons darstellen sollen. Dieses Projekt soll die Diskussion um die neuen Technologien anregen und helfen, ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu verstehen.

"Google Street ReView" parodiert und verzaubert gleichzeitig

Um von Pilsen in Tschechien, das 2015 ebenfalls Europäische Kulturhauptstadt sein wird und vielen durch das lokale Bier bereits ein Begriff ist, den Blick nach Mons zu lenken, versuchen die Belgier Aufmerksamkeit durch avantgardistische Projekte wie "Street ReView" zu erlangen. Dazu werden in der etwa 90.000 Einwohner fassenden Stadt circa zehn Straßenkilometer in ähnlicher Weise fotografisch erfasst, wie es den meisten bereits von Google bekannt sein dürfte. Doch die so entstehenden Bilder zeigen keineswegs Alltagsszenen, sondern inszenieren Situationen, die unter der Mithilfe von mehr als 400 Einheimischen entstanden. So soll Mons mit seinen Bewohnern den Gästen ganz exklusiv und persönlich vorgestellt werden. Konzipiert wurde das Projekt von französichen Künstlern, die eine Parodie auf Google erschaffen wollten. Doch zwischen dem Suchmaschinenbetreiber und der Region besteht auch eine besondere Verbindung, da sich in St. Ghislain, einem Nachbarort von Mons, eines des drei großen Rechenzentren von Google in Europa befindet.

Hoffen auch nachhaltige Effekte des Kulturhauptstadtjahres

In Mons begegnen sich Politik, Wirtschaft, Kultur und die Bürger auf Augenhöhe. Diese vorbildliche Form der sozialen Organisation liefert eine Antwort auf die aktuellen Fragen nach einer moderneren Form der Demokratie. Die offizielle Eröffnungsfeier wird am 24. Januar 2015 stattfinden und ist der Auftakt des Kulturhauptstadtjahres. Die europäische Öffentlichkeit wird in diesem Monat ihren Blick auf Mons richten. Nicht zuletzt profitieren die Bürger und Besucher von Mons, da ihnen in den folgenden Monaten eine unglaubliche Vielfalt an Veranstaltungen, sowie die Gelegenheit eines internationalen Austausches geboten wird. Mit mehr als 300 bedeutenden Veranstaltungen schickt sich Mons im Jahr 2015 an, eine noch nie da gewesene kulturelle Vielfalt zu präsentieren. Neben diesen kulturellen Attraktionen ist Mons jedoch auch Teil eines umfassenderen Projekts, nämlich einer sozio-ökonomischen Umstrukturierung, in deren Zuge das Umland zu einer Art "Creative Valley" werden soll. Es wird spannend sein, zu sehen, ob die erwarteten wirtschaftlichen und sozialen Effekte eintreten. Dies wird jedoch erst in einigen Jahren beurteilt werden können.